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Kennzahlen

Liquiditätsgrade: Liquidität 1., 2. und 3. Grades berechnen und richtig deuten

Liquiditätsgrade gehören zu den bekanntesten Kennzahlen der Bilanzanalyse. Banken, Auskunfteien und Lieferanten nutzen sie, um die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens auf einen Blick einzuschätzen. Diese Seite zeigt die drei Formeln, welche Bilanzposten nach HGB hineingehören, ein vollständiges Rechenbeispiel — und warum eine gute Kennzahl am Bilanzstichtag nichts darüber sagt, ob im nächsten Monat Geld fehlt.

Stand: 2026-10-15

Die drei Formeln im Überblick

Die Faustregeln stammen aus der Lehrbuch- und Bankpraxis und unterscheiden sich je nach Quelle. Sie sind Orientierungswerte, keine Grenzen. Ein Handelsunternehmen mit hohen Lagerbeständen hat strukturell eine andere Relation als ein Dienstleister ohne Vorräte; ein Unternehmen mit sehr schnellem Zahlungseingang kann mit niedriger Barliquidität gut leben.

Liquiditätsgrade — Formeln und in der Literatur verbreitete Faustregeln
KennzahlAuch genanntFormelVerbreitete Faustregel
Liquidität 1. GradesBarliquidität, Cash RatioFlüssige Mittel ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100Je nach Quelle etwa 10 bis 30 %
Liquidität 2. GradesEinzugsbedingte Liquidität, Quick Ratio(Flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen) ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100Mindestens 100 %
Liquidität 3. GradesUmsatzbedingte Liquidität, Current RatioKurzfristiges Umlaufvermögen ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100Häufig um 150 bis 200 %

Welche Bilanzposten nach HGB hineingehören

  • Flüssige Mittel: Posten B.IV. der Bilanz nach § 266 Abs. 2 HGB — Kassenbestand, Bundesbankguthaben, Guthaben bei Kreditinstituten und Schecks. Manche Analysten zählen kurzfristig veräußerbare Wertpapiere des Umlaufvermögens (B.III.) hinzu; geben Sie dann an, dass Sie so gerechnet haben.
  • Kurzfristige Forderungen: Forderungen aus Lieferungen und Leistungen und sonstige Vermögensgegenstände aus B.II., soweit sie innerhalb eines Jahres fällig sind. Nach § 268 Abs. 4 HGB ist bei jedem Forderungsposten der Betrag mit einer Restlaufzeit von mehr als einem Jahr zu vermerken — diesen Betrag ziehen Sie ab.
  • Vorräte: Posten B.I. — Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, unfertige und fertige Erzeugnisse, Waren, geleistete Anzahlungen. Sie gehen nur in den 3. Grad ein.
  • Kurzfristige Verbindlichkeiten: alle Verbindlichkeiten, die binnen eines Jahres zu begleichen sind. § 268 Abs. 5 HGB verlangt, diesen Betrag bei jedem Verbindlichkeitsposten zu vermerken, sodass er sich aus Bilanz oder Verbindlichkeitenspiegel ablesen lässt. Häufig werden kurzfristige Rückstellungen, etwa Steuerrückstellungen, hinzugerechnet.

Rechenbeispiel mit Bilanzwerten

Erfundene Zahlen einer Beispiel-GmbH zum Bilanzstichtag.

Nach den gängigen Faustregeln wirkt die Beispiel-GmbH unauffällig: Die kurzfristigen Verbindlichkeiten sind durch flüssige Mittel und Forderungen genau gedeckt, und rechnet man die Vorräte hinzu, besteht ein Überhang von 120.000 €.

Liquiditätsgrade der Beispiel-GmbH
GrößeBetrag oder RechnungErgebnis
Flüssige Mittel (B.IV.)Bankguthaben und Kasse60.000 €
Kurzfristige Forderungen (B.II.)Forderungen aus Lieferungen und Leistungen, Restlaufzeit unter einem Jahr140.000 €
Vorräte (B.I.)Waren und Material120.000 €
Kurzfristige VerbindlichkeitenRestlaufzeit bis zu einem Jahr200.000 €
Liquidität 1. Grades60.000 ÷ 200.000 × 10030 %
Liquidität 2. Grades(60.000 + 140.000) ÷ 200.000 × 100100 %
Liquidität 3. Grades(60.000 + 140.000 + 120.000) ÷ 200.000 × 100160 %
Working Capital320.000 − 200.000120.000 €

Was die Kennzahl verschweigt

Liquiditätsgrade vergleichen Bestände an einem einzigen Tag. Sie sagen nichts darüber, wann die Forderungen eingehen und wann die Verbindlichkeiten fällig sind. Angenommen, 150.000 € der Verbindlichkeiten der Beispiel-GmbH sind in den nächsten zwei Wochen fällig, die Kunden zahlen aber im Schnitt erst nach sechs Wochen: Dann fehlen trotz einer Liquidität 2. Grades von 100 % für einige Wochen rund 90.000 € — die 150.000 € fälliger Verbindlichkeiten stehen nur 60.000 € flüssigen Mitteln gegenüber.

Hinzu kommt, dass Bilanzzahlen bei Veröffentlichung oft Monate alt sind und sich am Stichtag gestalten lassen. Wer kurz vor dem Bilanzstichtag Lieferanten bezahlt oder einen Kredit zieht, verändert die Kennzahlen, ohne dass sich an der Zahlungsfähigkeit etwas ändert. Die Liquiditätsgrade sind deshalb ein Vergleichsmaßstab zwischen Jahren und Unternehmen, aber kein Steuerungsinstrument für die nächsten Wochen.

Für das Insolvenzrecht spielen sie ebenfalls keine Rolle: Ob Zahlungsunfähigkeit nach § 17 InsO vorliegt, hängt von den fälligen Zahlungspflichten und den verfügbaren Mitteln zu bestimmten Zeitpunkten ab, nicht von Bilanzrelationen.

Dynamische Kennzahlen als Ergänzung

Diese Kennzahlen bringen die Zeit ins Spiel und eignen sich für die laufende Steuerung.

Forderungslaufzeit (DSO)

Forderungen aus Lieferungen und Leistungen geteilt durch Umsatz mal 365. Beispiel: 140.000 € ÷ 1.200.000 € × 365 ergibt rund 43 Tage. Steigt der Wert, binden Kunden mehr Liquidität. Weil Forderungen brutto und Umsätze netto ausgewiesen werden, fällt der Wert etwas zu hoch aus; wichtig ist die Entwicklung über die Zeit.

Verbindlichkeitenlaufzeit (DPO)

Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen geteilt durch Materialaufwand mal 365. Beispiel: 90.000 € ÷ 600.000 € × 365 ergibt rund 55 Tage. Ein Wert deutlich über den vereinbarten Zahlungszielen kann auf verspätete Zahlungen hindeuten.

Burn-Rate

Durchschnittlicher monatlicher Netto-Mittelabfluss aus den Kontobewegungen der letzten Monate. Sie zeigt, wie viel Liquidität das Unternehmen derzeit verbraucht, wenn mehr ab- als zufließt.

Cash-Reichweite

Aktueller Bestand geteilt durch die Burn-Rate. Bei 60.000 € Bestand und 15.000 € monatlichem Netto-Abfluss reicht das Geld rechnerisch vier Monate — vorausgesetzt, das Muster bleibt gleich.

So geht es mit liquiditaetsplanung.io

  • Burn-Rate aus abgeschlossenen Monaten mit Kontobewegung, ohne den laufenden Teilmonat
  • Forderungs- und Verbindlichkeitenlaufzeit mit Angabe des Geschäftsjahres der Basis
  • Cash-Position aus Kontoständen der Bank statt aus dem Bilanzwert
  • Preis: 25 € im Monat je Arbeitsbereich, Aufpreis von 5 € nur für aktive finAPI-Verbindungen

liquiditaetsplanung.io zeigt neben der Wochen-Vorschau vier Kennzahlen, die aus vorhandenen Zahlen abgeleitet werden: Cash-Reichweite, Burn-Rate, Forderungslaufzeit und Verbindlichkeitenlaufzeit. Fehlt eine Grundlage, etwa ein Umsatz aus festgeschriebenen Abschlusszahlen, bleibt die Kennzahl leer statt geschätzt.

Häufige Fragen

Wie berechnet man die Liquidität 2. Grades?

Sie addieren flüssige Mittel und kurzfristige Forderungen und teilen die Summe durch die kurzfristigen Verbindlichkeiten. Mit 100 multipliziert ergibt sich der Prozentwert. Bei 60.000 € flüssigen Mitteln, 140.000 € Forderungen und 200.000 € kurzfristigen Verbindlichkeiten liegt sie bei 100 %.

Welcher Liquiditätsgrad ist gut?

In der Literatur verbreitet sind Faustregeln von mindestens 100 % für den 2. Grad und etwa 150 bis 200 % für den 3. Grad; für den 1. Grad nennen Quellen Werte zwischen etwa 10 und 30 %. Diese Werte hängen stark von Branche und Geschäftsmodell ab. Aussagekräftiger als ein Einzelwert ist die Entwicklung über mehrere Jahre.

Was ist der Unterschied zwischen Quick Ratio und Current Ratio?

Die Quick Ratio entspricht der Liquidität 2. Grades und lässt Vorräte außen vor, weil diese erst verkauft und bezahlt werden müssen. Die Current Ratio entspricht der Liquidität 3. Grades und bezieht das gesamte kurzfristige Umlaufvermögen ein.

Woher bekomme ich die kurzfristigen Verbindlichkeiten aus der Bilanz?

Kapitalgesellschaften müssen nach § 268 Abs. 5 HGB bei jedem Verbindlichkeitsposten den Betrag mit einer Restlaufzeit bis zu einem Jahr vermerken. Diese Angaben finden Sie in der Bilanz oder im Verbindlichkeitenspiegel. Kurzfristige Rückstellungen werden je nach Analyse hinzugerechnet.

Kann ein Unternehmen trotz guter Liquiditätsgrade zahlungsunfähig werden?

Ja. Die Grade vergleichen Bestände an einem Stichtag, aber nicht die zeitliche Reihenfolge von Zahlungseingängen und Fälligkeiten. Wenn Verbindlichkeiten deutlich früher fällig werden, als Forderungen eingehen, entsteht eine Lücke, die nur eine Liquiditätsplanung zeigt.

Wie oft sollte ich die Liquiditätsgrade berechnen?

Für den Vergleich mit Vorjahren und Branchenwerten genügt die Berechnung zum Jahresabschluss, ergänzt um Quartalswerte, wenn die Bank sie anfragt. Für die laufende Steuerung sind Wochen-Vorschau, Forderungslaufzeit und Cash-Reichweite besser geeignet.

Quellen und Rechtsstand

Primärquellen für die zentralen Aussagen dieser Seite. Öffnen Sie im Zweifel immer die aktuelle Fassung.

  • § 266 HGB — Gliederung der Bilanz: Vorräte B.I., Forderungen B.II., flüssige Mittel B.IV.
  • § 268 HGB — Vermerk der Restlaufzeiten von Forderungen (Abs. 4) und Verbindlichkeiten (Abs. 5)
  • § 17 InsO — Zahlungsunfähigkeit stellt auf fällige Zahlungspflichten ab, nicht auf Bilanzrelationen

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